Jerusalem bei Nacht 

Nach dem Frühstück sind Karo und ich gestern nochmal in die Old City gelaufen (Frühstück sieht hier übrigens in etwa immer so aus:)


Wir wollten die Via Dolorosa laufen, also den Leidensweg Jesu. Es sind insgesamt 14 Kreuzwegstationen, die man dabei passiert. Tatsächlich habe ich es mir irgendwie anders vorgestellt – ruhiger, intensiver von den Gefühlen her, die einen dabei begleiten. Die Straßen waren aber so überfüllt von Menschen, Marktständen und Ähnlichem, dass ich mich nicht recht auf die eigentliche Bedeutung des Weges konzentrieren konnte. Die Via Dolorosa endet in der Grabeskirche – die letzten Stationen befinden sich in ihr. Nachdem wir sie beendet hatten, haben wir uns auf eine Bank gesetzt und ich ein wenig in meinem Reiseführer geblättert („Lonely Planet Israel“, erhältlich hier), als plötzlich ein Mann vor uns stand, der uns unbedingt etwas zeigen wollte. Wir also hinterher, er meinte es ja nett, und als wir vor einem kleinen Höhleneingang standen, bedeutete er uns, hineinzugehen. Das sei das heilige Grab von Jakob, und das an der Wand (die feucht war) sei heiliges Öl, wir sollen es berühren, damit unsere Stirn und unserer beider Hände berühren und das Kreuz machen. „Wisst ihr, wie man das Vater Unser betet?“, fragte er dann und anschließend: „Schließt eure Augen und betet es.“ 

Ja, das war dann ein bisschen zu komisch in dem Moment, Karo und ich konnten uns gerade noch so zusammenreißen, nicht laut zu lachen. Die Situation war einfach zu seltsam. Trotzdem haben wir brav die Augen geschlossen, innerlich aber wie ein Mantra vor uns hergesagt: nicht lachen, nicht lachen, nicht lachen. 

Als wir die Höhle dann wieder verlassen haben, sollten wir uns noch einmal an den Händen fassen, die Augen schließen und an Jesus denken – okay. Bei einer Reise nach Jerusalem (hihi, Reise nach Jerusalem) kommt man nicht umhin, an Jesus zu denken, aber auf Kommando und unter den Bedingungen – ihr wisst schon. Wir haben uns dann ziemlich schnell (so schnell man jemanden halt abwimmeln kann) verabschiedet, und haben uns noch ein bisschen auf den Märkten umgesehen. Beinahe an jedem Stand wird man hier angesprochen („Where are you from? – Ahh, Germany, guten Tag, wie geht’s?“), aber alle meinen es aufrichtig freundlich und fast jeder zweite hat eine Geschichte auf Lager, wann und wo er sich mal in Deutschland aufgehalten hat. 

Hier ist man nie lange alleine, überall wird einem ein Lächeln geschenkt, es ist wirklich schön. Vor einigen Tagen waren Karo und ich auf dem Weg zum Supermarkt, als ich von einem Mann angesprochen wurde, was denn so in meiner Tasche klappern würde (es waren meine Kaugummis, die bei jedem Schritt ein Geräusch gemacht haben). Man kam ins Gespräch, er war aus Australien und in einem anderen Hostel untergebracht, und schließlich haben wir Nummern ausgetauscht und uns gestern Abend dann zu einem Spaziergang getroffen. Er hatte die Idee, den Ölberg hochzulaufen, was wir dann auch gemacht haben (wenn meine Beine sprechen könnten, sie würden mir sagen, wie sehr sie mich hassen 😀 ). Es hat sich gelohnt: allein schon der Weg dorthin – es wurde ja gerade dunkel – war schön. Jerusalem unter Vollmond und von Lichtern erhellt. 



Auf dem Weg den Ölberg hoch haben wir dann noch ein Kamel und eine süße Katze gesehen (in Jerusalem gibt es SO viele Katzen): 


Auf dem Rückweg hat uns Manuel dann eine Unterführung gezeigt, an der wir bisher jedes Mal blind vorbeigelaufen sind. Diese Unterführung ist von der Altstadt oben nicht zu sehen, und wenn man sie betritt, ist es, als tauche man in eine völlig andere Welt ein: eine große Einkaufspassage mit all den Läden, die man auch in Amerika und Co. findet. 



Es war trotz des vielen Laufens ein schöner Abend. Karo und ich haben uns dann verabschiedet und den restlichen Abend im Hostel verbracht. In dem Hostel arbeiten viele Freiwillige aus allen Ländern, so zum Beispiel Nate, der uns gestern noch coole Kartentricks gezeigt hat, und ein anderer (ups, Name vergessen) aus Südafrika, der sich öfter zu uns gesellt hat. Ein paar Locals (also Leute, die hier wohnen aber einfach aus Spaß hier ins Hostel kommen), haben auf der Gitarre gespielt und gesungen und es war richtig schön. 

Jetzt ist Sonntag, und das bedeutet wir packen gleich unsere Sachen und ziehen weiter, nach Tiberias am See Genezareth. Das erwartet uns dort: 


Ich fühle mich irgendwie richtig traurig, Jerusalem zu verlassen. Die Stadt ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich am liebsten den restlichen Monat hier verbringen würde. Am Anfang, wenn man in eine neue Stadt und ein neues Hostel kommt, ist man oft erstmal etwas überfordert, fühlt sich fremd, alles ist neu; aber dann taucht man ein in diese neue Welt und wird ein Teil von ihr, und bei Jerusalem ist dieses Gefühl ganz besonders stark. Es ist die erste Stadt, die ich wirklich gerne nochmal besuchen würde, obwohl ich eigentlich lieber immer Neues entdecken will, statt Altes nochmal zu sehen. Deshalb hoffe ich, dass es nicht das letzte Mal war, dass ich mit leckerer, selbstgemachter Limonade durch die Old City laufe, diesen vielen netten Menschen begegne und die ganz besondere Atmosphäre erleben darf. 

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