Welcome to desert

PART I 

Der gestrige Tag war richtig langweilig. Tagsüber kann man hier in Mitzpe Ramon absolut gar nichts machen, weil es schlichtweg zu heiß ist. Mittags sind Karo und ich dennoch kurz raus, weil wir den kleinen Camel Hill hochsteigen wollten, eine Aussichtsplattform direkt vor dem Hostel. Was wie ein Erdhäufchen aussah, wurde durch die Hitze doch zur anstrengenden Herausforderung, und als wir zurück waren, habe ich mich erstmal wieder ins Bett gelegt 😀 . Das ist das Gute an einem Aufenthalt in der Wüste: man kann ohne schlechtes Gewissen den ganzen Tag im Bett liegen, denn: für alles andere ist es eh zu heiß. 

Camel Hill

On top of Camel Hill

 

Dafür sind wir aber natürlich nicht hierher gekommen. Karo ist nachmittags schließlich zu einer Berg-Abseilungs-Tour gegangen (mich hätten keine zehn Kamele dazu gebracht, für Todesangst auch noch Geld zu bezahlen 😀 ), ihre Bilder sahen echt cool aus. 

Tooooodesangst hätte ich da.

 

Ich dagegen habe mich fürs Kamelreiten entschieden – eines der Dinge, die ich bei dem Gedanken an Wüste schon immer mal machen wollte. Über das Hostel wurde der Kontakt zu einer Beduinenfarm hergestellt, von denen ich dann auch direkt am Hostel abgeholt wurde. Nach nur 10 Minuten (die zu Fuß Stunden gebraucht hätten) befand ich mich dann auf der isoliertesten Farm dieses isoliertesten Fleckchens Mitzpe Ramon – ein bisschen komisch, denn ich wusste, dass ich ohne den Fahrer nicht mehr zurückkommen würde. Da standen dann auch schon die Kamele, bereit, geritten zu werden – wir allerdings nicht. Wir mussten noch auf eine Familie warten, und überhaupt wurde alles gaaanz ruhig angegangen. Ich wurde von einem Mann begrüßt, „Welcome to desert!“, rief er schon von Weitem, und zeigte auf den freien Stuhl neben sich. Ich kann mich nicht mehr richtig an seinen Namen erinnern, aber ich glaube es war so etwas wie Ekem (nennen wir ihn im Folgenden einfach mal so). Ekem sollte derjenige sein, der unsere kleine Runde auf den Kamelen durch die Wüste führen sollte. Ekem konnte leider so gut wie gar kein Englisch, der einzige Satz, den er beherrschte, war: „Welcome to desert“. Kann man dafür ja beliebig oft wiederholen, so einen Universalsatz. Mehr schlecht als recht haben wir dann ein Pläuschchen gehalten, er hat auf seine Zigaretten gezeigt und gefragt, ob ich auch rauche („No weed?“ – Äh, nein 😀 ). Als dann die anderen ankamen – eine Familie mit drei Kindern aus Jerusalem – ging es endlich (langsam) los. Ich war die einzige, die kein Hebräisch sprechen konnte, aber darum sollte es an diesem Nachmittag ja auch nicht gehen. Das Kamel kann man zum Glück auch völlig wortlos reiten. Und so stiegen wir auf die Kamele, ich durfte alleine auf dem vordersten sitzen, und gemächlich ritten wir durch die Wüste. Ekem hat sich immer mal wieder zu mir umgedreht und „Is good?“ gefragt, und auf mein „Toff“ (hebräisch für „gut“) gesagt: „Welcome to desert!“

Die Kamele

Auf dem Kamel

 

Vor dem Kamel

Manchmal haben wir angehalten, und er hat Zweige von kleinen Büschen abgebrochen, in seinen Händen zerrieben und uns gegeben, um daran zu riechen. Der Geruch kam mir fremd und bekannt zugleich vor; da alle Erklärungen auf Hebräisch waren, habe ich keine Ahnung, worum es sich dabei gehandelt hat. Und dann kamen wir immer näher an den Krater (der kein Krater ist), und je näher wir ihm kamen, desto windiger wurde es. Auf einmal flog ohne Vorwarnung meine Mütze davon, ich hab sie schon den Abgrund hinabsegeln sehen und mich innerlich von ihr verabschiedet, aber Ekem hat mir die Zügel meines Kamels in die Hand gedrückt und ist ihr heldenhaft hinterhergerannt. Ich bin ihm so dankbar. Ich habe in der Sekunde zwar gesagt, es wäre ok, dann ist sie halt weg, aber tatsächlich hänge ich doch sehr an ihr, ist sie doch mitunter eine Erinnerung an meine Zeit in Amerika. 

Am Abgrund des Kraters sind wir dann abgestiegen und die Aussicht war von dort einfach gigantisch. Auf Bildern kommt es leider nie so deutlich rüber, aber es sieht wirklich unbeschreiblich aus.


Ekem hat eine ganze Menge über den Krater* erzählt (ich kann nur spekulieren, was es war), aber der Vater der Familie hat mir schließlich übersetzt, dass man über dem Krater* den Geist Gottes spüren können soll. Er hat für die Menschen hier also auch eine große spirituelle Bedeutung. Ekem hatte immer wieder auf seinen Kopf und sein Herz gezeigt und mir damit zu verstehen geben wollen: hier denkt man nicht, hier fühlt man. 
Nach einer Weile an diesem stürmischen Ort haben wir uns dann wieder auf den Rückweg gemacht. Dieses Mal hat sich Ekem mit auf mein Kamel gesetzt und wir sind alle zusammen geritten. Und immer wieder hat er sich umgedreht und gesagt (na, wer errät es?): „Welcome to desert!“ 😀 . 
Zurück auf der Farm gab es erstmal Tee und Gebäck, auf mein „Dota, lo“ (Danke, nein) hin wurde mir trotzdem eine Tasse eingeschenkt („It good, it good!“) und irgendwie dachte ich dann auch, dass es ja alles wirklich nur gut gemeint ist. Alle waren so nett zu mir und trotzdem war es wieder eine seltsame Erfahrung, kein Wort zu verstehen. Immerhin gab es aber süße Babykätzchen auf der Farm – so hatte ich eine Beschäftigung, während Ekem die Kamele abgesattelt und versorgt hat. Es war schon dunkel, als er mich schließlich zurück ins Hostel gebracht hat, natürlich nicht, ohne mich noch ein paar Male in der Wüste willkommen zu heißen. Eine wirklich auf vielen Ebenen spannende Erfahrung. 

PART II 

Um 5:00 Uhr morgens hat heute der Wecker bei uns geklingelt: es sollte endlich zum Wandern gehen. Am Abend davor waren zum ersten Mal, seit wir in Israel und in Hostels sind, alle aus unserem Zimmer vor Mitternacht im Bett – ein lustiges Bild. Wir haben das Zimmer diese Nacht mit einem Pärchen aus Holland und einem Finnen geteilt, und hatten wie Kinder im Schullandheim noch eine ganze Menge zu lachen, bevor wir eingeschlafen sind. Im Gegensatz zu der Masada Tour damals habe ich mich heute sogar ganz ausgeschlafen gefühlt. Wir haben uns angezogen, kurz ein Brot geschmiert und sind losmarschiert. Es war noch kühl, aber die milde Temperatur irgendwie wohltuend. Die ganze Stadt lag absolut ruhig da, die Sonne war kurz vor dem Aufgehen und wir haben uns an den Abstieg in den Krater (der kein Krater ist) gemacht. Es war absolut traumhaft! 

Es gibt verschiedene Wanderwege hier, wir haben uns für den kürzesten entschieden, der etwa fünf Kilometer lang ist und laut Hostel-Mitarbeitern 3-4 Stunden dauert. Alle paar Meter sind Steine mit einer bestimmten Farbe markiert und geben die weitere Richtung an. Wir haben also ständig Ausschau nach dem nächsten grün markierten Stein gehalten und so gar nicht gemerkt, wie lange wir eigentlich schon unterwegs waren. Erst, als wir in der Ferne ein Auto auf einer Straße sahen, wurde uns bewusst, dass wir es schon fast geschafft hatten – nach nur zwei Stunden. Die viele Energie, die wir noch übrig hatten, haben wir erstmal für ein paar Fotos genutzt.

Wie viele Versuche braucht es, ein einigermaßen vernünftiges Bild hinzubekommen? – Viele 😬.

Den Weg zurück muss man trampen. Wir wurden eindringlich von der Mitarbeiterin hier gewarnt, nicht zurückzulaufen – weder auf der Straße, noch durch die Wüste – und von ihr davon überzeugt, dass Trampen hier ganz normal ist und die AutofahrerInnen in der Regel gerne WanderInnen mit zurück in die Stadt nehmen. Das Problem war nur, dass es noch so früh am Morgen war, dass kaum Autos vorbeifuhren. Was macht man in so einem Fall? Richtig: erstmal essen. Und Bilder machen 😀 .

 

Die Gelegenheit, mal ein bisschen auf Straßen rumzuspringen 😬

 

Schließlich hat ein netter Autofahrer angehalten und uns zurückgefahren. Es war wirklich eine lange und vor allem steile Strecke (ich verstehe jetzt, warum man die nicht laufen soll 😀 ). Er hat uns sogar etwas zu Trinken angeboten, was ich richtig nett fand. Und schon waren wir wieder zurück in Mitzpe Ramon, und schneller, als man gucken konnte, waren Karo und ich dann auch nochmal im Bett – ein bisschen Schlaf nachholen. 

Ja, so ist das hier. Eine weitere Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Welcome to desert. 

*was als Krater bezeichnet wird, ist eigentlich ein Machtesch, ein Erosionskrater. Die Mythen, das hier zum Beispiel mal ein Meteorit eingeschlagen hat, stimmen nicht. 

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